18 Februar 2015

Eine etwas andere Fastenzeit



Die 40 Tage der Fastenzeit wird von vielen Menschen – auch außerhalb einer Glaubensrichtung – dazu genutzt, Körper, Geist und Seele durch Verzicht zu klären. Dieser Verzicht muss jedoch keineswegs Mangel bedeuten, sondern er kann dazu beitragen, wieder mehr zu sich selbst zurückzukehren. In diesem Weglassen können sich auch die Fragen stellen:


Wer bin ich eigentlich?

Was macht mein Leben wirklich aus?

Passt das Leben, das ich führe, tatsächlich zu mir?

Bin ich noch auf dem Weg, den ich mir für mich wünsche?

Was brauche ich für ein gutes Leben?

Was ist wesentlich für mich?



Diese so wichtigen Fragen gehen oft im Alltagsgetümmel unter und finden unter den vielen Dingen, die gerade anliegen, wenig Beachtung. Ob man sie vollständig und zufriedenstellend beantworten kann? Vielleicht nicht ganz, aber es lohnt sich doch, eine Annäherung zu versuchen oder einmal wieder zu überprüfen, ob sich mit der Zeit und der Lebenserfahrung etwas an den Antworten, die man sich einmal selbst gegeben hat, änderte. Dazu können auch einmal ein wenig andere „Diäten“ nützlich sein, die sich nicht auf das Naheliegende, wie Genussmittel, Vergnügen etc. beziehen. Vielleicht hast Du Lust, Dir diese Vorschläge anzuschauen? Möglicherweise ist das ein oder andere Interessante mit neuem Blickwinkel für Dich dabei, was Du einmal zur Klärung für Dich ausprobieren möchtest.





Weniger Internet

Das Internet ist eine hervorragende Informations- und Unterhaltungsquelle und kann die Gefahr bergen, beim Surfen ziemlich viel Zeit zu schlucken. Das „neugierige Äffchen“, das in uns allen steckt und das es liebt, zu lernen und Neues zu erfahren, wird dabei richtig munter. Hier können wir zwischen so vielen Inhalten wählen, dass der „Entscheidungsmuskel“, der schon tagsüber gut beansprucht wird, ganz schön angestrengt werden kann. Große Entscheidungen und auch kleine erfordern seelische Energie, mit der man vielleicht öfter Raubbau betreibt, als man denkt. Probiere doch einmal aus, weniger im Netz unterwegs zu sein und Dich in dieser Zeit Dir selbst zu widmen.


Weniger Handy, iPhone, Tablet & Co.

Eine lange Fahrt oder eine Wartezeit kann man ganz gut mit diesen Mitteln überbrücken, jedoch befindet man sich damit ständig in den “Leerzeiten” in einer anderen Welt. Das Jetzt, der Augenblick, zieht vorüber, ohne dass man ihn wahrnimmt. Möglicherweise ist der Moment nicht so bunt, wie das, was die kleinen Kästchen uns zeigen. Aber vielleicht würde der Augenblick, wenn man ihn einmal wahrnimmt, eine ganz eigene Botschaft oder Wirkung für uns bereithalten. Wie ist die Natur draußen vor dem Fenster? Wie fühle ich mich hier und warum fühle ich mich so? Ist diese Umgebung, diese Tätigkeit, dieses Ziel noch passend für mich? Vielleicht wird es zufriedenstellende Antworten geben, vielleicht macht sich aber auch Unruhe und Unwohlsein breit, die zeigen, dass es Zeit für Veränderung ist. Hier könnten sich wertvolle Gedanken einstellen.




Weniger Fernsehen

Es kann manchmal entspannend und unterhaltend wirken, abends vor der Flimmerkiste abschalten zu wollen. Jedoch läuft das Gehirn auf Hochtouren beim Verfolgen der Geschehnisse, auch wenn es nur eine Schnulze, ein Krimi oder ein netter Spielfilm ist. Die Seele weiß leider nicht, dass sie nur Geschichten erzählt bekommt und trägt viele Botschaften noch weiter mit sich herum, oft auch unbemerkt. Wie wäre es, den Fernseher zumindest an 4 Tagen pro Woche ausgeschaltet zu lassen und sich z.B. mit schöner, schlafvorbereitender Entspannung und Körper und Geist zu beschäftigen? Es wäre doch toll, sich selbst einmal vollendeter Gastgeber zu sein und nicht den elektronischen Unterhalter zu bemühen


Weniger Zeitung, Zeitschriften und Bücher

Manchmal erscheint es schon fast altmodisch, wenn man ganz undigital zu gedruckten Medien greift, aber sie gehören noch immer zum Alltag dazu. Was wäre, wenn man sich einmal nicht der Flut von Informationen, Meinungen, Geschichten und Werbungen aussetzt? Wird man unruhig, weil man an vermeintlich wichtigen Dingen nicht genug Teil hat? Erscheint das eigene Leben plötzlich weniger amüsant oder aufregend? Ein bisschen Selbstbeobachtung könnte vielleicht ganz interessante Gefühle und Gedanken zutage fördern, die es sich lohnt, wahrzunehmen. Wer weiß, welche Bedürfnisse für das eigene Leben oder vielleicht sogar andere Werte plötzlich klarer werden, die man über die vielen Infos und vermeintlichen Wichtigkeiten fast vergessen hat.


Weniger Radio und Konserven-Musik

Gehörst Du zu den Menschen, die gern als erstes morgens das Radio einschalten oder die mit Kopfhörern oder Knopf im Ohr durch den Tag gehen? Dann könnte ein wenig mehr Stille Dir Gedanken oder Erfahrungen schenken, die sonst in Deinem Alltag keine Chance haben, zu Dir durchzudringen. Oder wie wäre es, einmal wieder selbst Musik zu machen oder anderweitig ein bisschen herumzukünstlern? Einfach aus Freude, ohne Druck, einmal dem Ausdruck geben, was Dir aus Dir selbst heraus in die Finger fließt. Ausdruck anstatt Eindrücke – wäre hier das Zauberwort, damit Du nicht nur Fremdes aufnimmst, sondern wieder Deine eigenen Gedanken und Seelenbewegungen etwas mehr wahrnimmst.


Weniger einengende Kleidung

Kleider machen Leute, das ist altbekannt. Häufig haben unsere Kleider auch etwas mit der Rolle zu tun, die wir über die Zeit eingenommen haben. Aber gibt es jenseits dieser Rolle oder dieses Selbstbildes, das wir uns zuschreiben, noch etwas Anderes? Wir Menschen sind so vielfältig und haben die überraschendsten Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir manchmal noch gar nicht entdeckt haben oder uns zuerkennen. Vielleicht ist es auch einmal sinnvoll, die eigene Rolle durch leicht veränderte Kleider aufzulockern, z.B. andere, hellere Farben, weniger eng und steif, bequemere Schuhe für ein anderes „Auftreten“. Mitunter macht eine äußere Veränderung es leichter, das eigene, vielleicht sogar erstarrte, Muster, zu entdecken und ein wenig zu lösen.




Wozu soll das Ganze gut sein?


Das Verzichten oder der Versuch, etwas anders zu machen als sonst, schärft die Sinne wieder mehr und die Wahrnehmung dafür, wer oder was man eigentlich glaubt zu sein oder darstellen zu müssen. Selbstbeobachtung ist ein Segen, wenn man diese Fähigkeit auch immer wieder übt und anwendet. Sie bewahrt uns davor, in eine vollkommen falsche Richtung zu gehen oder zu einem Menschen zu werden, der man überhaupt nicht sein möchte.

Sich selbst ein wenig aus der Bahn zu werfen und einmal außerhalb der lieben, gewohnten Wege zu gehen, fördert zudem die Kreativität im Umgang mit uns selbst und unserem Leben. Der – leider schon etwas abgenudelte – Begriff: Verlassen der Komfortzone, kann uns wieder mehr mit uns selbst in Verbindung bringen und uns Möglichkeiten eröffnen, Neues zu erleben, Altes neu zu erleben und uns auszuprobieren. Dann laufen wir auch nicht so sehr Gefahr, in Erstarrung und Scheuklappen-Denken zu geraten und in Selbstgerechtigkeit zu versinken.

Hier möchte ich das Stichwort „Erstarrung“ ein wenig herausgreifen. Ein erstarrter Mensch kann nicht mehr schwingen, d.h. er kann nicht mehr mit sich selbst und der äußeren Welt in gute Resonanz treten. Er kann sich nicht auf das tatsächlich jetzt Vorgehende einlassen, bevor er nicht in seinen Schubladen eine ähnliche Situation gefunden hat, nach deren Muster er reagieren kann. Er kann sich und anderen keine Veränderung und kein Wachstum zugestehen. Und ein sehr trauriger Gedanke dabei ist auch, dass eine erstarrte Persönlichkeit leichter bricht, denn ihr ist die Weichheit, das Mitfühlen (Mitschwingen) und die Freude an den Erstaunlichkeiten und Wundern des Lebens verloren gegangen.

Und, hast Du Lust bekommen, durch Weglassen von Altem und Gewohntem ein bisschen mehr Platz für Dich zu schaffen? Sind Dir noch andere Ideen gekommen, was Du um Deiner selbst willen sein lassen könntest? Dann ist jetzt eine gute Zeit dafür, Dich darin auszuprobieren, denn falls Deine Umwelt Erstaunen oder Unwillen zeigt, kannst Du mit einem fröhlichen Grinsen sagen: Ich faste jetzt! Wer weiß, vielleicht kommen dann auch andere auf den Gedanken, sich mit diesem Thema zu befassen. Ich wünsche Dir interessante Erfahrungen und Erlebnisse in diesen 40 Tagen vom Aschermittwoch bis zum Ostersamstag und hoffe, dass sich für Dich gute Gedanken oder sogar schöne Veränderungen ergeben.

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