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17 Dezember 2018

An die Bäume im Winter ° Johann Gottfried von Herder




An die Bäume im Winter


Gute Bäume, die ihr die starr entblätterten Arme
Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab!
Ach, ihr müsst noch harren, ihr armen Söhne der Erde,
Manche stürmische Nacht, manchen erstarrenden Tag! 
Aber dann kommt wieder die Sonne mit dem grünenden Frühling
Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück? 
Harr geduldig, Herz, und bringt in die Wurzel den Saft dir!
Unvermutet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor.

Johann Gottfried von Herder



Und hier noch einmal als Bild zum Weiterschenken


Bild: pixabay


02 März 2018

Schneemannzeit

Auch wenn es schon ein bisschen spät ist für den Winter, zeigt sich vielerorts gerade jetzt die weiße Pracht. Hab also eine schöne Schneemannzeit und einen entspannten Start in den ersten Frühlingsmonat.


Vielleicht hast Du ja auch jetzt noch Freude an einem Wintergedicht...


Gestern


Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.

Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.

Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder.
Der Bach rauscht lustig unterm Eis,
nur finster stehn die Wälder. 
Alexander Puschkin


28 November 2017

Gedicht "Novembertag" von Clara Müller-Jahnke




Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige. 

Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen ...
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.

Clara Müller-Jahnke



Und hier noch einmal zum Weiterschenken als Bild...




Mehr Poesie mit Bildern aus der Natur findest Du unter "ein Gedicht lesen".


26 November 2017

"Clair de Lune" - Musik und Gedicht in einer besonderen Interpretation

Als das wohl berühmteste Stück aus der Suite Bergamasque von Claude Debussy gilt „Clair de Lune“. Es klingt zart und geheimnisvoll – ist Musik gewordene Poesie.

Es wird angenommen, dass das Gedicht „Clair de Lune“ (1869) von Paul Verlaine eine Vorlage dazu gewesen sein könnte. Debussy hatte es als Lied vertont und so könnte eine weitere Anlehnung daran naheliegen.

Was jedoch genau in Claude Debussy vorgegangen ist, als er dieses besondere Stück komponierte, vermochte er vielleicht sogar selbst nicht zu sagen. Im Schöpfungsprozess der Musik liegt einfach auch Magie. Er selbst soll einmal geäußert haben:

"Wir sollten uns immer daran erinnern, dass die Schönheit eines Kunstwerks etwas ist, das immer mysteriös bleiben wird; man sagt, man könne niemals genau herausfinden „wie es entstanden ist“. Lassen Sie uns unter allen Umständen dieses Element der Magie bewahren, das das Eigentümliche an der Musik ist. Es liegt in der Natur der Musik, etwas Magisches zu enthalten, noch mehr, als bei jeder anderen Kunstform."

In einer träumerischen, eigenen Interpretation stellte die Pianistin Khatia Buniatishvili das Klavierstück 2014 vor. Sie lässt es entspannt atmen und außergewöhnlich schimmern. Die in Paris lebende Georgierin gilt als ein neuer Stern am Klassikhimmel und erhielt 2016 den ECHO-Klassik für ihr Album Kaleidoscope.

Wenn Du magst, lausche doch zuerst dem Klavierspiel und lies danach die Übersetzung des französischen Gedichts von Stefan Zweig. Lass Dich verzaubern...




 

Mondschein


So seltsam scheint mir deine Seele, wie
ein Park, durch den ein Zug von Masken flimmert,
doch Tanz und ihrer Lauten Melodie
verbirgt nur Schmerz, der durch die Masken schimmert.

Von Liebe singen sie, bespöttelnd ihr Geschick,
doch Mollklang macht das lose Klimpern trüber,
es scheint, sie glauben selbst nicht an ihr Glück,
und leise rinnt ihr Lied in Mondschein über.

Im Mondschein, der, sanfttraurig, blass und blank,
die Vögel träumen lässt hoch in den Bäumen
und schluchzen die Fontänen, dass sie schlank
und schauernd in die Marmorschalen schäumen.

Paul Verlaine
Übersetzung von Stefan Zweig

Im YouTube-Kanal der Lebenslilie findest Du auch eine bezaubernde Version mit winterlichen Bildern. Gespielt wird Clair de Lune hier von dem Pianisten Yuli Lavrenov, für den die Lebenslilie auch einige Video-Clips gestaltet hat.

22 November 2017

Novembertag von Christian Morgenstern





Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus, 
drängt die Welt nach innen; 
ohne Not geht niemand aus; 
alles fällt in Sinnen. 
Leiser wird die Hand, der Mund, 
stiller die Gebärde. 
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern 



Zum Weiterschenken hier noch einmal das Novembergedicht als Bild:




Noch mehr Poesie findest Du unter "ein Gedicht lesen"...

17 November 2017

Herbstgedicht: November von Max Dauthendey




November


Grau verwirrt der leere Wald.
Mit tausend blauglühenden Ätheraugen,
Hoch durch schwarzen Fichtenbehang, 
Irren Heere blauer gigantischer Blüten.

Von fremden Dolden, 
Niemand hat je sie belauscht, 
Blüht jeder Morgen im Grase 
Eisigen Samen.

Graue Frauen, 
Die lautlos im Reigen kamen, 
Sind lautlos gegangen. 
Der Bleichen Juwelen 
Strahlende Fäden 
Irisgrün, irisgolden, 
Hangen an allen Zweigen.

In nackten Kronen singen 
Wachszarte Ströme der Sonne. 
Um bloße Säulen, 
Auf weißen Schwingen kreist 
Einäugig ein Aar, 
Das Schweigen.

Max Dauthendey 



Und hier noch einmal das Gedicht von Max Dauthendey als Bild zum Weiterschenken.




Mehr Poesie findest Du unter "ein Gedicht lesen"...

13 November 2017

Äpfellese ° Hoffmann von Fallersleben



Äpfellese

Das ist ein reicher Segen 
In Gärten und an Wegen! 
Die Bäume brechen fast. 
Wie voll doch Alles hanget! 
Wie lieblich schwebt und pranget 
Der Äpfel goldne Last!

Jetzt auf den Baum gestiegen! 
Lasst uns die Zweige biegen, 
Dass jedes pflücken kann! 
Wie hoch die Äpfel hangen, 
Wir holen sie mit Stangen 
Und Haken all' heran.

Und ist das Werk vollendet, 
So wird auch uns gespendet 
Ein Lohn für unsern Fleiß. 
Dann zieh'n wir fort und bringen
Die Äpfel heim und singen 
Dem Herbste Lob und Preis.

Hoffmann von Fallersleben



Und hier noch einmal als Bild zum Weiterschenken :-)




Unter der Rubrik "ein Gedicht lesen" findest Du noch viel mehr Poetisches.

09 November 2017

Ein altes Scherzgedicht

Ein wenig Blödsinn heitert den Alltag ungemein auf. Ein albernes Lachen vertreibt schnell den Stress und umwölkte Gedanken. Die Atmung vertieft sich und der ganze Körper kann für einige Momente von der Anspannung lassen. Daher sind Scherzgedichte ein echter Segen, denn sie zeigen einen Widersinn, der das stringente und lösungsorientierte Denken einfach einmal aushebelt.

Hier kommt ein besonderes Schätzchen, dass vielen sicher noch aus der Kindheit bekannt ist. Es gibt unzählige Varianten davon und jeder kennt noch eine andere Strophe, die wohl dazugehören würde. Von einer Autorin oder einem Autor weiß man allerdings nichts zu sagen. Daher genieße es einfach und erfreue Dich an dem gereimten Unsinn…




Dunkel war’s, der Mond schien helle,


Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss’ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar
saß auf einer grünen Banke,
die rot angestrichen war.

Neben ihm ’ne olle Schrulle,
von nicht einmal siebzehn Jahr,
diese aß ’ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume, 
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Die Kuh, die saß im Schwalbennest
mit sieben jungen Ziegen,
die feierten ein Jubelfest
und fingen an zu fliegen.

Der Esel zog Pantoffeln an,
ist übers Haus geflogen,
und wenn das nicht die Wahrheit ist,
so ist es doch gelogen.

Unbekannt



Welche Quatsch- oder Scherzgedichte sind denn Dir noch bekannt? 

04 November 2017

Verklärter Herbst ° Georg Trakl





Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr 
Mit gold‘nem Wein und Frucht der Gärten. 
Rund schweigen Wälder wunderbar 
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut. 
Ihr Abendglocken lang und leise 
Gebt noch zum Ende frohen Mut. 
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit. 
Im Kahn den blauen Fluss hinunter 
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht – 
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl



Schenke dieses Gedicht auch gerne weiter. Und wenn Dir Poesie gefällt, findest Du noch mehr unter "ein Gedicht lesen"...


22 September 2017

Herbstbild ° Friedrich Hebbel

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel 


Und noch einmal zum Download und Weiterschenken (566 kb)


°°° Wenn Du Freude an der Poesie hast, findest Du unter "Ein Gedicht lesen" noch Weiteres °°°

31 Mai 2017

Wenn...



Wenn ich es könnte, wäre ich ...

ein funkelnder Tautropfen in der Sonne

ein Lied auf fröhlichen Lippen
eine züngelnde Flamme im Feuer

ein Flüstern in den Blättern der Bäume

eine warme Erinnerung des Herzens
eine blühende Blume im Frühlingsgarten

ein süßer Geschmack eines Herbstapfels

eine unvergessliche Liebe eines Lebens
eine grüne Welle im Ozean

Aber vielleicht war ich es schon

seit unendlichen Zeiten
und werde es immer wieder sein



Lebenslilie

21 Dezember 2016

Die Welt wird zu einem hellen Ort



Die Welt wird zu einem hellen Ort 
Wenn Frieden, Freundlichkeit, Mitgefühl und Zuversicht 
All unsere Wege begleiten

Mögen wir Frieden im Herzen tragen 
Wie einen ewig leuchtenden Funken

Mögen wir uns mit Freundlichkeit umgeben 
Wie Kerzen mit Licht

Mögen wir Mitgefühl schenken
Wie ein Feuer die Wärme

Mögen wir Zuversicht in die Welt tragen 
Wie den Schein einer Fackel

Keine Dunkelheit kann dem widerstehen 
Kein Tag wird ohne Schönheit sein 
Kein Mensch wird dann im Schatten leben


Hab schöne und gesegnete Festtage.

Deine 
Lebenslilie 

Das Gedicht findest Du auch hier als Download zum Weiterschenken. 

26 August 2016

Keine wie die andere



















Das Leben
Besteht aus hundert Farben
Keine wie die andere
Jede hat ein Leuchten
Und ihre eigene Dunkelheit
Im steten Wandel

Eine wie der Morgen
Tauglänzend und strahlend
Eine wie der Frühling
Mit all seinen Blumen
Eine wie ein hochgerecktes
Zartes Kinn

Eine wie der Mittag
Klar und freundlich
Eine wie der Sommer
Mit all seinen Früchten
Eine wie eine Frage
Auf den Lippen

Eine wie der hohe Tag
Reif und sanft
Eine wie der Herbst
Mit seinen bunten Blättern
Eine wie die Wärme
Auf den Wangen

Eine wie der Abend
Fahl und kühl
Eine wie der Winter
Mit all seinem Eis
Eine wie ein Wissen
In den Augen

Eine wie die Nacht
Dunkel und glitzernd
Eine wie die Stunde
Mit der alles endet
Eine wie ein Zeichen
Auf der Stirn

Das Leben
Besteht aus hundert Zeiten
Keine wie die andere
In stetem Werden und Vergehen
Wie ein ewiges Versprechen
Auf einen Neubeginn


Lebenslilie


20 Juli 2016

Menschen wie Lichter



Menschen
Sind wie Lichter
In unserem Leben
Die einfach da sind
Oder zu uns kommen als

Sonnenstrahl
Schlaglicht
Blitzschlag
Kerzenschein
Feuerwerk
Kronleuchter
Schreibtischlampe
Fixstern
Nachtlicht
Fackel
Mondlicht
Taschenlampe
Scheinwerfer
Rampenlicht
Leuchtturm
Warnlicht
Blitzlicht

Und wenn wir Glück haben
Auch als Laterne, die für uns im Fenster steht
Um uns den Weg zurück zu zeigen
Wenn wir uns verlaufen haben




Möge jeder Mensch einen Laternenmenschen haben
Möge jeder Mensch einmal eines Anderen Laterne sein


Lebenslilie

03 Juli 2016

Hermann Hesses "Stufen" - das Gedicht vom Dichter selbst gelesen

Von Hermann Hesses philosophischem Gedicht „Stufen“ heißt es, es sein wie ein Gebet – anrührend und voller Wahrhaftigkeit. Der wohl berühmteste Auszug daraus ist die Zeile, die beginnt mit: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“. Es strahlt vor Lebensbejahung und Zuversicht. Der Rhythmus ist fließend, beruhigend in seiner Wirkung und lässt die Gedanken weit werden. Es zu lesen, ist ein Genuss.

Wie aber hörte es sich wohl an, wenn der Verfasser selbst es vorlas? Hier ist YouTube mal wieder eine Schatzkiste. Es gibt tatsächlich eine Originalaufnahme von Hermann Hesse, in der er dieses wunderschöne Poem rezitiert, das er am 04. Mai 1941 geschrieben hat. Wenn Du magst, höre Dir die Stimme des Dichters an, lehn Dich zurück und genieße dieses Werk voller Lebensweisheit und Optimismus.







Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


30 Mai 2016

Herzensangelegenheiten



  


Musik und Poesie existieren, um...

...ein enges Herz zu weiten,
...ein kaltes Herz zu wärmen,
...ein ängstliches Herz zu stärken,
...und ein verletztes Herz zu heilen.








Solltest Du dies gerade gut gebrauchen können oder möchtest Du Dich einfach nur für einen Moment zurücklehnen und genießen, lausche doch einmal "River Flows in You" des Pianisten Yiruma.

Falls Du das New-Classics-Stück schon kennst: Diese Version könnte Dich interessieren, denn sie ist außergewöhnlich. Arrangiert und gespielt wurde sie von dem südkoreanischen Gitarrengenie Sungha Jung. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme im Hanoi Opera House im Jahr 2014 war er 18 Jahre alt.








PS Egal, ob Du Dich für New Classics als seine Eigenkompositionen oder kunstvoll gecoverte Popsongs interessierst, ein Spaziergang auf seinem YouTube-Kanal ist seine Zeit wert. Dieser könnte etwas länger dauern, da Sungha Jung bereits mit 9 Jahren zu spielen begann, sich die Fingerstyle-Technik selbst beibracht und ab seinem 11. Lebensjahr seinen YouTube-Kanal mit eigenen Arrangements und Kompositionen zu füllen begann. Jason Mraz u.a. lud ihn auf die Konzertbühne ein und gestand dem Publikum, Jungs Coverversion seines Songs "I'm Yours" so bewundert zu haben, dass er sie studierte und das Stück noch einmal neu bearbeitete. Viel Spaß beim Entdecken der Musik eines gefühlvollen Gitarrenvirtuosen!



12 Mai 2016

Jung sein! ° Marc Aurel



Die Jugend kennzeichnet nicht einen Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung;
sie ist Ausdruck des Willens, der Vorstellungskraft und der Gefühlsintensität.
Sie bedeutet Sieg des Mutes über die Mutlosigkeit, Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit.

Man wird nicht alt, weil man eine gewisse Anzahl Jahre gelebt hat:
Man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt.
Die Jahre zeichnen zwar die Haut - Ideale aufgeben aber zeichnet die Seele.
Vorurteile, Zweifel, Befürchtungen und Hoffnungslosigkeit sind Feinde, die uns nach und nach zur Erde niederdrücken und uns vor dem Tod zu Staub werden lassen.

Jung ist, wer noch staunen und sich begeistern kann.
Wer noch wie ein unersättliches Kind fragt: Und dann?
Wer die Ereignisse herausfordert und sich freut am Spiel des Lebens.

Ihr seid so jung wie euer Glaube.
So alt wie eure Zweifel.
So jung wie euer Selbstvertrauen.
So jung wie eure Hoffnung.
So alt wie eure Niedergeschlagenheit.

Ihr werdet jung bleiben, solange ihr aufnahmebereit bleibt:
Empfänglich fürs Schöne, Gute und Große, empfänglich für die Botschaften der Natur,
der Mitmenschen, des Unfasslichen.
Sollte eines Tages euer Herz geätzt werden von Pessimismus, zernagt von Zynismus,
dann möge Gott Erbarmen haben mit eurer Seele - der Seele eines Greises.

Marc Aurel 


01 Februar 2016

Die Stimme


Noch bevor ich die Augen aufschlug
Hörte ich diese Stimme, die sagte:
„Sing für mich!“
Singen, was sollte das sein?
Doch ich versuchte es
Bald kam da Klang und Melodie
Und ich formte meine ersten Worte

Dann bat sie:
„Tanzt du auch für mich?“
Obwohl ich noch keinen Schritt gegangen war
Erhob ich mich
Wiegte und drehte mich
Bewegte Arme, Hände, Füße
Immer schneller und mit mehr Geschick

Mit Begeisterung sprach sie:
„Nun erzähle mir Geschichten!“
Was sollte ich sagen, wovon sprechen?
Also ging ich los und schaute
Und erlebte und erlitt
Und dichtete und erzählte
Von allem was ich sah und was in mir war

Dann verlangte sie:
„Jetzt spring für mich!“
Zuerst ein wenig furchtsam
Doch immer beherzter
Sprang ich, wie ich noch nie gesprungen war
Bald hoch bis in den Himmel, bald in die tiefste Schlucht
Und über alles, was dazwischen lag

Sie lachte und rief:
„Liebe, liebe jetzt von ganzem Herzen!“
Lieben, was wusste ich davon?
Doch ging ich in die Welt
Und ich verlor mein Herz
Fand es im Feuer und in der Asche wieder
Bei Menschen und in allem um mich her

Nun forderte sie:
„Erschaffe etwas für mich!“
So dachte ich nach, lernte und brachte hervor
Was tief in mir zu warten schien
Unter Ringen und Freude
Unter Lachen und Tränen
Bis mir Herz und Kopf und Hände schwirrten

Dann fragte sie:
„Was kannst du mich lehren?“
Da fügte ich zusammen
Was mir begegnet war
Was zusammenzugehören schien
Was mir gehörte oder ich verloren hatte
Und ich staunte, wie viel Zeit vergangen war

Im heiteren Ton sang sie:
„Jetzt erinnere dich!“
Das war es, womit ich schon begonnen hatte
Und ich sah Menschen, hörte Worte
Sang und tanzte noch einmal im Geiste
Dachte über Liebe, Himmel, Schluchten nach
Und alles war wie ein seltsam buntes Lied

Ich wurde still und schaute auf
Sah ein Gesicht im Spiegel
Das alt war und dessen Augen leuchteten
Eine Hand nahm da die meine
Ein zarter Kuss traf meine Stirn
Und alle Altersschwere
Glitt ab von meinen Schultern

Irgendetwas lächelte und flüsterte:
„Danke, dass du nie ‚warum‘ gefragt hast
Dass du mir folgtest und vertrautest
Dass du mir treu geblieben bist
Mir jeden Wunsch erfülltest
Was für ein wunderbares Leben
Weil du dich hingegeben hast.“



Lebenslilie


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