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04 Oktober 2014

Desiderata ° Max Ehrmann



Gehe gelassen inmitten von Lärm und Hast
und denke an den Frieden der Stille.
So weit als möglich, ohne dich aufzugeben,
sei auf gutem Fuß mit jedermann.
Sprich deine Wahrheit ruhig und klar aus,
und höre Andere an,
auch wenn sie langweilig und unwissend sind,
denn auch sie haben an ihrem Schicksal zu tragen.

Meide die Lauten und Streitsüchtigen.
Sie verwirren den Geist.
Vergleichst du dich mit anderen,
kannst du hochmütig oder verbittert werden,
denn immer wird es Menschen geben,
die bedeutender oder schwächer sind als du.
Erfreue dich am Erreichten und an deinen Plänen.

Bemühe dich um deinen eigenen Werdegang,
wie bescheiden er auch sein mag;
er ist ein fester Besitz im Wandel der Zeit.
Sei vorsichtig bei deinen Geschäften,
denn die Welt ist voller Betrügerei.
Aber lass deswegen das Gute nicht aus den Augen,
denn Tugend ist auch vorhanden:
Viele streben nach Idealen,
und Helden gibt es überall im Leben.

Sei du selbst.
Täusche vor allem keine falschen Gefühle vor.
Sei auch nicht zynisch, wenn es um Liebe geht,
denn trotz aller Öde und Enttäuschung verdorrt sie nicht,
sondern wächst weiter wie Gras.

Höre freundlich auf den Ratschlag des Alters,
und verzichte mit Anmut auf die Dinge der Jugend.
Stärke die Kräfte deines Geistes,
um dich bei plötzlichem Unglück dadurch zu schützen.
Quäle dich nicht mit Wahnbildern.
Viele Ängste kommen aus Erschöpfung und Einsamkeit.
Bei aller angemessenen Disziplin,
sei freundlich zu dir selbst.

Genau wie die Bäume und Sterne,
so bist auch du ein Kind des Universums.
Du hast ein Recht auf deine Existenz.
Und ob du es verstehst oder nicht,
entfaltet sich die Welt so wie sie soll.

Bleibe also in Frieden mit Gott,
was immer er für dich bedeutet,
und was immer deine Sehnsüchte und Mühen
in der lärmenden Verworrenheit des Lebens seien –
bewahre den Frieden in deiner Seele.

Bei allen Täuschungen, Plackereien und zerronnenen Träumen
ist es dennoch eine schöne Welt.
Sei frohgemut.
Strebe danach, glücklich zu sein.


 
Max Ehrmann, "Desiderata" oder "Lebensregel von Baltimore", 1927
Übertragung von Heiko Haller

12 November 2013

Schwelle zur dunklen Zeit


Spät ist schon der Herbst
Die Schwelle zur dunklen Zeit
Ist schon halb überschritten

Der Winter schickt bereits
Seine treuen Geister
Den Raureif am Morgen
Die stillen, grauen Nebel
Die brausenden Stürme
Die schweren Wolken
Die lichten, kühlen Tage
Und die länger werdende Dunkelheit

Die Dunkelheit aber schickt er
Als ein Gefäß des Lichts
In der die Keime des Frühlings
Sich zur Ruhe betten
In der die Zeit den Geschichten
Und Erinnerungen gehört
In der ein jedes Licht
Noch heller leuchtet

Nun rüstet sich die Seele
Für ihren Weg nach innen
Zu ihrem eigenen Licht
Sie sucht die Erlebnisse des Jahres
Und all seine Geschenke zusammen
Die sie dem Licht zeigen wird
Denn in der hellen Zeit
Hat sie es nicht sehr oft besucht

Dann wird es wie ein Treffen
Zweier alter Freunde sein
Die sich beide schon erwarten
Und viel zu erzählen haben
Denn die Seele spricht
Nicht nur zum Licht
Sondern das Licht
Spricht auch zur Seele

Beide werden sie Geschenke tauschen
Sich aneinander freuen
Und durch einander leuchten



18 März 2013

Was haben die Massai?



Sie haben kleinere Häuser, aber größere Familien. Keine Bequemlichkeiten, aber viel Zeit. Weniger Wissen, aber größeres Urteilsvermögen.

Sie haben keine Experten, weil sie keine Probleme haben. Sie rauchen nicht, trinken nicht, lachen oft, wandern lange Strecken, regen sich nie auf, gehen früh schlafen, stehen früh und frisch auf, lesen nicht, schauen weit ins Land, und beten mit Hingabe. Sie haben wenig Besitz, aber hohe Werte. 


Sie wissen nicht, ob sie morgen genügend zu essen bekommen, aber sie wissen, wie man heute lebt. Sie haben nur 44 Jahre Lebenserwartung, aber diese leben sie mit Freude. Sie kommen nicht zum Mond, aber oft an die Hütte der Nachbarn.

Sie kennen den Weltraum nicht, aber sie haben inneren Frieden. Sie können keine Atome spalten, sind aber offen für jeden.

Sie brauchen keine Schaufenster, weil sie alles zum Leben bei sich haben. Keine moderne Technik, die Texte wie diesen in Windeseile in alle Welt tragen können. 

Wenn sie die Wahl hätten, sie würden ihr Leben nicht ändern, denn sie sind ein glückliches Volk!

Gert von Kunhardt

19 Januar 2013

Ich wünsche Dir Zeit ° Elli Michler



Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche Dir Zeit, Dich zu freun und zu lachen,
und wenn Du sie nützt, kannst Du etwas draus machen.

Ich wünsche Dir Zeit für Dein Tun und Dein Denken,
nicht nur für Dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche Dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche Dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, Sie möge Dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche Dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche Dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche Dir Zeit, zu Dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche Dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche Dir: Zeit zu haben zum Leben!

Elli Michler






27 Oktober 2012

Kostbarkeit






Wenn der Moment wie ein Diamant glitzert
















Wenn Zweige elegante Tänzer sind
















Wenn der Augenblick in Eis festgehalten ist
















Wenn Inseln aus einem steinernen Meer wachsen
















Wenn ich die Adern des Lebens spüren kann
















Wenn ich blaue Schatten fallen sehe




















Wenn ich auf goldenen Teppichen gehe

















Wenn sich Blätter zart aneinander lehnen















Wenn mich das Spiel des Sonnenlichts berührt
















Wenn ich die verschwenderischen Kleinder der Bäume bestaunen kann
















Wenn mein Auge an kunstvoll gewebten Mustern hängen bleibt















Bewundere ich die Kostbarkeit, die mich umgibt

















Und ich bin glücklich, in all dem zuhause zu sein









20 Juli 2012

Wenn die Vögel singen


Wenn die Vögel singen, rufen sie dabei die Blumen des Feldes oder sprechen sie mit den Bäumen oder ist ihr Gesang nur ein Widerhall dessen, was das Bächlein murmelt? 

Der Mensch mit all seiner Klugheit kann nicht verstehen, was die Vögel sagen oder was der Bach vor sich hinmurmelt oder was die Wellen flüstern, wenn sie langsam und sanft den Strand berühren.

Der Mensch in all seiner Klugheit kann nicht verstehen, was der Regen spricht, wenn er auf die Blätter in den Bäumen fällt oder wenn er aufs Fensterbrett tropft. 

Er weiß nicht, was der flüchtige Wind den Blüten zu erzählen hat.

Aber das Herz des Menschen ist imstande, die Bedeutung dieser Stimmen zu fühlen und zu begreifen. Oftmals bedient sich die ewige Wahrheit einer geheimnisvollen Sprache. 

Seele und Natur unterhalten sich miteinander, während der Mensch abseits steht, sprachlos und verwirrt. Und hat der Mensch nicht Tränen vergossen über diese Stimmen? Sind seine Tränen nicht ein beredtes Zeugnis seines Verstehens?

Khalil Gibran

08 Juli 2012

Warum sich die Sonnenblume zur Sonne dreht


Lange bevor in unseren Gärten die goldenen Sonnenblumen zu leuchten begannen, herrschte im Grünen Kaiserreich der Grüne Kaiser, der hatte eine einzige Tochter, schön wie eine Frühlingsblüte. Aber der Kaiser machte sich große Sorgen um sie, denn die Prinzessin wollte nicht heiraten.
Keiner der Prinzen, ob groß oder klein, ob hell- oder dunkelhaarig, gefiel ihr. Auf ihres Vaters Zureden antwortete sie stets: "Mir gefällt nur der Sohn der Sonne."
Eines Tages geriet der Kaiser darüber in Zorn und rief: "Also geh und nimm den Sohn der Sonne zum Gemahl, mir aber komm nicht mehr unter die Augen!"
Die Prinzessin machte sich auf den Weg. Sie wanderte immer nach Osten, über Berg und Tal, durch Wälder und Wüsten, bis sie zu dem hohen Berg gelangte, auf dem die Sonne ihren Palast hatte.
"Was suchst du hier Mädchen? fragte dort eine alte Frau und begrüßte sie.
"Ich möchte zum Sohn der Sonne", erwiderte die Prinzessin und erzählte, warum ihr Vater sie aus dem Haus gejagt hatte. Die Alte fand an dem Mädchen Gefallen.
"Ich bin die Sonne", sagte sie, "und ich gebe dir meinen Sohn zum Gemahl. Aber wenn du bei ihm bleiben willst, darfst du ihm niemals ins Gesicht schauen."
Das versprach die Prinzessin, und lange Zeit hielt sie ihr Versprechen. Ein ganzes Jahr lebte sie mit dem Sohn der Sonne glücklich und zufrieden. Aber schließlich wurde sie doch neugierig. Warum sollte ich dem Sohn der Sonne nicht ins Gesicht sehen dürfen, schließlich ist er mein Gemahl, überlegte sie immer wieder. Der Sonne fiel ihre Nachdenklichkeit auf.
Mitleidig sagte sie: "Ich weiß, was dich quält, und gebe dir einen guten Rat. Stell ein Glas Wasser vor deinen Gemahl und schau dir darin sein Spiegelbild an. Aber eines merke dir: Wenn du zu lange dabei verweilst, wird er es bemerken, und dann ergeht es dir schlecht."
Die Prinzessin tat, wie die alte Frau ihr geheißen. Als der Sohn der Sonne abends heimkehrte, stellte sie ein Glas Wasser vor ihn hin und schaute hinein. Im Glas zeigte sich das Gesicht ihres Gemahls, und es war so schön und freundlich, dass ihr schier das Herz stehen blieb. Sie vergaß die Warnung der Sonnenmutter und sah das Spiegelbild so lange an, bis ihr Gemahl es bemerkte.
Zornig rief er: "Wenn du nicht gehorchen kannst, will ich dich nicht hier haben!" Und er vertrieb die Prinzessin aus dem Palast.
Weinend lief sie über Stock und Stein. Aber weit ist sie nicht gekommen. Als sie über ein Feld lief, erbarmte sich die Sonne und verwandelte sie in eine hochragende Pflanze mit einer großen gelben Blüte. Die große gelbe Blüte drehte sich sogleich der Sonne zu, und das macht sie noch heute. Die Menschen nannten sie Sonnenblume.

Armenien

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